The Rip-Off II – Behind the scenes

Nachdem ich vor wenigen Tagen über die verzerrte Wahrnehmung von Künstlergagen geschrieben habe, kam von ein paar Lesern die Reaktion “aber das ist doch gar nicht der Grund für die niedrigen Gagen, sondern …”. Da kann ich den Leuten nicht widersprechen, muss ich auch gar nicht – denn das Thema meines Posts war die unterschiedliche Wahrnehmung der Gage auf Künstlerseite und Kundenseite. Nachdem nun aber natürlich die Frage nach diesen Gründen aufgetaucht ist, will ich auch hier meinen Senf dazu tun.

Auch von zwei Kollegen (Philip Hagenhofer und Vinzenz Wagner), die ich sehr schätze, sind Kommentare zu dem Thema gekommen, welche die Lage aus einem marktwirtschaftlichen Standpunkt betrachten. Diese sind aus dem betreffenden Blickwinkel sehr zutreffend, meiner Meinung nach müsste man aber in der Betrachtung der Gesamtlage noch etwas weiter gehen, was ich weiter unten versuchen werde. Für den Einzelnen sind die Anleitungen und Hinweise der beiden ein funktionierender Weg um sich selbst in eine bessere finanzielle Lage zu bringen und den eigenen finanziellen Erfolg zu steigern. Um das Ansehen und das Verständnis des Künstlerstandes allgemein zu verbessern, reicht es jedoch nicht aus (nur meine Meinung). Vielleicht hat einer der beiden ja die Muse, dass Thema aus marktwirtschaftlicher Sicht zu beleuchten. Ich würde mich freuen den Beitrag hier zu hosten oder werde ihn auf jeden Fall verlinken falls eine andere Plattform gewählt wird.

Zuerst wollen wir uns den Ursachen für das Leid der Unterbezahlung unseres Berufsstandes widmen. Die schlechte Nachricht ist, die meisten sind selbstverschuldet.

  1. Es gibt wirklich viele Leute die als Tänzer Geld verdienen aber nicht als solche gemeldet sind. Sie versteuern nix und brauchen, da sie in regulären Jobs arbeiten, nichts für Versicherungen und Steuern abzuziehen. Diese Leute können so eine geringere Auftrittsgage ohne Abzug in die Tasche stecken und verdienen dabei meist noch mehr als Leute die versuchen ihrem Beruf ‘legal’ nachzugehen. Dass die Mehrzahl der in Österreich aktiven Tänzer ihre Jobs so ‘schwarz’ abwickeln, geht zu Lasten der wenigen ‘echten’ Berufstänzer die mit den niedrigen Preisen nicht mithalten können. Zu diesem Punkt gab es bereits die Meldung, er wäre nicht zutreffend. Ich kann mir persönlich aber nicht vorstellen wie die langjährige Gewöhnung an ein niedriges Preisniveau keine gültige Variable in dieser Sache sein soll.
  2. Mangelndes professionelles Auftreten. Muss wohl nicht erklärt werden. Was ich schon für Sachen gesehen habe, was von sogenannten Profitänzern ausging. Um ähnliche Sachverhalte ging es im alten Artikel “Einer der Gründe warum DIE uns nicht ernst nehmen“. Darum schreibe ich hier nicht weiter über das Thema.
  3. Mangelndes ‘Drumherum’. Wenn Künstler es versäumen sich innerhalb des Marktes  an passender Stelle zu positionieren (nicht jeder ist für jede Position geeignet), Werbung und Imagebildung versäumen, schlecht erreichbar oder unzuverlässig sind oder wie ein Haufen Gangster auftreten braucht man sich nicht wundern wenn man als Geschäftspartner nicht ernst genommen wird.
  4. Die Notwendigkeit die Jobs zu machen, auch wenn die Gage eigentlich nicht passt. Für die meisten Leute stellt sich die Frage nicht ob man einen Job wegen geringer Bezahlung sausen lassen kann. Wer nicht durch einen regulären Job oder anderweitig subventioniert ist, braucht unter Umständen jedes bisschen Kohle um über die Runden zu kommen. Gerade in Österreich gibt es Tanzjobs nicht wie Sand am Meer. Das liegt auch daran, dass wir kein Meer haben…
  5. Viel zu viele Leute gehen in die Öffentlichkeit ohne bereit dazu zu sein. Jede schlechte Show die irgendwo gezeigt wird schadet unserem Ansehen in der Gesellschaft. Gleiches trifft auf jede arrogante Aussage zu, jedes Divagehabe und jedes Businesstreffen in das wir unvorbereitet gehen.

Auch die obige Liste ist sicherlich nicht vollständig. Wenn Euch Dinge einfallen die dazu gehören, hinterlasst sie bitte in den Kommentaren hier auf der Seite, dann können alle Leser es sehen, nicht nur diejenigen die zufällig über den gleichen Verweis auf Facebook stolpern.

ABER, bevor wir weiter gehen, lasst uns einen Schritt nach hinten machen und das Ganze etwas globaler betrachten. Denn alle Punkte die bisher gefallen sind bewegen sich innerhalb des gewohnten kapitalistischen Systems. Dieses ist aber auch andernorts am Bröckeln, so dass “maximale Qualität für den günstigsten Preis” nicht zwingend die ewig gültige Regel sein muss.

Wie? Wo gilt denn das nicht?

Es gibt zahlreiche Projekte in denen Menschen der Fairness halber etwas mehr für Produkte zahlen wo dann ein größerer Anteil als Normal an die Beteiligten ausbezahlt wird. Das bekannteste Ding dieser Art sind die “Fair Trade” Produkte. Um ein kunstnahes Projekt zur erwähnen: Bandcamp ist eine Plattform auf der Musik direkt vom Artist gekauft werden kann ohne den Umweg über große Labels, die Fans bestimmen selbst den Preis, der dann direkt an die Künstler geht.

Es folgt eine höchst subjektive und individuell gefärbte Meinung, die nicht den Anspruch erhebt richtig zu sein aber meiner Meinung nach der Kern der Sache ist:

Das wahre Problem ist, dass der Wert von Leistungen und Produkten (wie ich dieses Wort hasse seit es so missbräuchlich instrumentalisiert wird) nicht mehr daran gemessen wird wie viel Zeit, Wissen und Können in dem Produkt steckt sondern daran wie viel Geld, Zeit und Wissen in der Vermarktung desselben aufgewendet wurde. Oh shit.

Auch wird gerne als Argument angeführt, dass sich der Markt doch selber reguliere. Das ist ein theoretisches Modell welches in der Praxis nur im Kleinen funktioniert und es selbst dort nicht zuverlässig tut.

“Der Markt reguliert sich selbst” . Tut er dass? Ich glaube nicht. Der Markt wird kontrolliert durch das frei verfügbare Kapital. Dieses wird durch Finanzinstitute und Staaten, in Form von Zinssätzen und Abgaben reguliert. Lebenserhaltungskosten steigen auch. Freies Kapital wird weniger – der Markt hat keine Chance mehr sich selbst zu regulieren, weil die Leute kein freies Kapital zum Ausgeben haben. GAME OVER für den “der Markt reguliert sich selber” Mythos. Das ist übrigens keine neue Erkenntnis, ich habe das in Grundzügen schon von einem meiner Lehrer in der HTL gehört, … vor über 12 Jahren! Danke Herr Prof. Haiml 🙂

Kurzes Beispiel gegen die “Markt reguliert sich selber” Aussage. Wohnungsmarkt Salzburg! Unzählige teure “High Class” (um im verwendeten Jargon zu bleiben) Wohnungen stehen leer und verursachen nur Kosten während zahlreiche Wohnungssuchende sich die teuren Wohnungen nicht leisten können. Verlust auf beiden Seiten, kein Anzeichen für eine Selbstregulierung.

Zurück zum Thema: Lösungsvorschläge? Schwierige Sache, da hier unterschieden werden muss:

  • Lösungen die auf einzelne Personen und Gruppen angewendet und deren persönlichen Stand verbessern
  • Lösungskonzepte die für die Allgemeinheit wirksam sind und den ganzen Berufsstand unterstützen

Los gehts:

  1. Preisabsprachen. Gute Sache aber eigentlich illegal – daher nicht anwendbar – und nur dann wirksam wenn alle mitspielen. Eine Mindestgage zu vereinbaren die keiner unterbietet hätte aber auf jeden Fall Sinn. Erübrigt sich aber sobald dann irgendwer aus Oberhintertupfing sich nicht daran hält und dafür alle Jobs abgreift. Ist aber nur Symptombekämpfung.
  2. Level der Darbietungen, professionelles Auftreten, Marketing, … verbessern um sich selbst besser zu positionieren. Funktioniert definitiv um den eigenen Stand zu verbessern. Gibt ja Leute die damit erfolgreich sind und ist eine Option die jedem offen steht. Wir hoffen auf Input aus dieser Ecke. Ist im Rahmen dessen, was ich als Problem sehe aber auch nur Symptombekämpfung.
  3. Finde die eigene Nische im Markt. Siehe Punkt 2.
  4. Aufklärungsarbeit. Die Öffentlichkeit muss über das selbständige Künstlerleben Bescheid wissen um zu verstehen was sie bezahlt. Hier sind wir alle gefragt. Die Frage warum das denn so teuer sei, muss auf alle Fälle sachlich, seriös und kompetent beantwortet werden. Hier unsicher zu wirken ist eine Katastrophe! Phil hat hier angemerkt, dass Künstler früher auch schlecht bezahlt waren und meist bei Hofe angestellt. Stimmt auch. Aber die Vergangenheit kann man als Beispiel für Verbesserungen in der Zukunft anstatt als Rechtfertigung für die Gegenwart verwenden.
  5. Politische Arbeit. Der Künstlerstand an sich wird zur Zeit sehr wenig geschätzt weil alle Leute das Gefühl haben, dass die Welt am Abgrund steht und die Kunst nix zu Erhaltung unseres “guten Lebens” beiträgt. Die Politik ist zu sehr damit beschäftigt sich selbst zu rechtfertigen anstatt sinnvoll anzupacken.

Die Punkte 4 und 5 geschehen nicht von selbst. Wieder einmal wären wir gefragt aber diese Tätigkeiten rauben uns die Zeit zum Tanzen und Geld verdienen. Deshalb will es keiner machen und deshalb bleibt alles wie es ist.

Damn.

Off-Topic: Meiner Meinung nach erleben wir gerade den Anfang einer intellektuellen Revolution (hoffen wir, dass es bei einer intellektuellen bleibt), die möglicherweise ein Umdenken zu mehr sozialer Gerechtigkeit nach sich ziehen wird. Deshalb ist jetzt der Zeitpunkt um über solche Dinge zu reden anstatt sie als uninteressant abzutun und unter den Teppich zu kehren.

Viele verschiedene Meinungen zu einem Thema? Gut so. Die zweite Hälfte eines alten Posts The Judging Issue behandelt dieses Phänomen. Heute schließe ich mit einer alten Weisheit zum Thema

Die Landkarte ist nicht das Gebiet.